1055–1057

Anfang 1761 verließ Bellotto Wien in Richtung München; bei sich hatte er das hier gezeigte Empfehlungsschreiben. Maria Theresia richtete es an ihre Cousine, die Prinzessin von Bayern, erwähnt den Maler aber nur kurz. Bellotto blieb nicht lange und kehrte bald nach Dresden zurück, wo er die Stadt und seinen Besitz vom Krieg verwüstet vorfand. In Die Ruinen der Pirnaischen Vorstadt hält er diese Zerstörung fest, wobei grasende Schafe, ein Hirte und verwilderte Vegetation Widerstandsfähigkeit suggerieren. Zurück in Dresden sah sich Bellotto mit beruflichen Rückschlägen konfrontiert: Der ehemalige Hofmaler wurde zum »Lehrer für Perspektive« an der Akademie degradiert und kämpfte um seinen Lebensunterhalt. Inmitten dieser Not malte er die hier gezeigte Architekturfantasie, die die Bedeutung von Perspektive als Grundlage künstlerischer Erfindungsgabe unterstreicht. Die Figur in Rot – oft als Selbstbildnis verstanden – bekräftigt diese schöpferische Freiheit; ebenso das Zitat des römischen Dichters Horaz auf der Säule dahinter: »Maler und Dichter hatten stets die gleiche Freiheit zu wagen, was ihnen beliebt.« Zusammen gesehen, bewegen sich diese beiden Gemälde zwischen harscher Realität und imaginierter Utopie. 1767 verließ Bellotto Dresden erneut, diesmal in Richtung Warschau, wo er sich wieder die Position eines Hofmalers sicherte und fortan seine Beobachtungs- und Kompositionsgabe in den Dienst des polnischen Königs stellte.

1055

Kaiserin Maria Theresia an Maria Antonia von Bayern, Kurprinzessin von Sachsen

4.1.1761
Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden

»Madame ma chere cousine. Je n’ais put voir partir Canaletti [= Bellotto] sans le charger de ces lignes et le lui recomander; il s’est conduit ici tres bien et nous at fournit plusieurs pieces des ces ouvrages tres belle. Je lui porte envie de vous voir peut-etre 8 mois plutot que moi. 
Je souhaite bien que la nouvelle année me procure ce bonheur et qu’elle soit plus heureuse que les autres, nous avonts actuellement pour peu des jours les princes Albert et Clement chez nous qui m’interessent infiniment et je le aime d’autant plus vous etant si tendrement attachee. Ils ont bien regretée de n’avoir eut la permition de vous voir; il l’esperent a leurs retour, et je suis tonjours de Votre Altesse tres affectionnée cousine Marie Therese«

»Madame, meine liebe Cousine. Ich konnte Canaletti [= Bellotto] nicht abreisen sehen, ohne ihm diese Zeilen mitzugeben und ihn Ihnen zu empfehlen. Er hat sich hier überaus gut betragen und uns mehrere sehr schöne Stücke seiner Arbeiten geliefert. Ich beneide ihn sogar darum, Sie vielleicht acht Monate früher zu sehen als ich. Ich hoffe sehr, dass mir das neue Jahr dieses Glück bescheren möge und dass es glücklicher werde als die bisherigen. Wir haben gegenwärtig für einige Tage die Prinzen Albert und Clemens bei uns. Sie interessieren mich außerordentlich, und ich bin ihnen umso mehr zugetan, als Sie Ihnen so zärtlich verbunden sind. Sie bedauerten sehr, nicht die Erlaubnis gehabt zu haben, Sie zu sehen; sie hoffen darauf bei ihrer Rückkehr. Ich verbleibe, wie stets, Ihrer Hoheit sehr ergebenste Cousine, Maria Theresia«
1056
1056

Die Ruinen der Pirnaischen Vorstadt in Dresden

1762/67
Musée des Beaux-Arts et d’Archéologie, Troyes
1057
1057

Architekturfantasie mit Selbstbildnis in den Roben eines venezianischen Edelmannes

ca. 1765
The Royal Castle in Warsaw – Museum
1055–1057