Während Canalettos Werkstatt in den 1730er Jahren florierte, unterbrach der Österreichische Erbfolgekrieg (1740–1748) den Zustrom von Besuchern nach Venedig. Canaletto beschloss daher, zu seinen britischen Kunden zu reisen, wenn diese nicht mehr zu ihm kommen konnten. 1746 kam er in London an und blieb neun Jahre. Er traf auf eine Metropole, 
die sich als neues Rom inszenierte: als moderne politische und wirtschaftliche Hauptstadt eines globalen Imperiums. Er passte seinen städtemalerischen Ansatz an diese Umgebung an und war einer der Ersten, die Londons Architektur, Parks und Zeremonien als Symbole nationaler Identität darstellten. In Die Themse am Lord Mayor’s Day zeigt er die vergoldete Barke des Bürgermeisters unterhalb der St. Paul’s Cathedral – der protestantischen Rivalin des Petersdoms in Rom. Der geschäftige Fluss erinnert an Venedig, doch die neu aufgebaute Stadt – wiedererstanden nach dem Großen Brand von 
1666 – kündet von der Modernität Großbritanniens. Freilich verschleiern Canalettos Ansichten aber soziale Spannungen, die englische Zeitgenossen wie William Hogarth mit beißendem Zynismus offenlegten.

1009
1009
Canaletto

London: Die Themse am Lord Mayor’s Day

ca. 1748
House of Lobkowicz